Honigbären
Kaum jemand dürfte das Spiel “Honeybears” von Reiner Knizia kennen, das 1998 bei Piatnik erschienen ist. Es ist ein simples und flottes Spiel mit kindlicher Optik, das ganz sicher keinen Preis für besonders langanhaltenden Spielspaß verdient hätte. Aber wenn man es sich genauer ansieht, erkennt man, dass dieses Spiel über honigfressende Bären ein fundamentales Prinzip verkörpert: Manchmal muss man etwas aufgeben, um voranzukommen.
Im Mittelpunkt stehen vier Bären in unterschiedlichen Farben. Sie haben Honig gestohlen und laufen nun vor den wütenden Bienen weg. Ihr Ziel ist die schützende Höhle. Anders als man es von Monopoly und manch anderem Spiel kennt, sind die Bären nicht einzelnen Mitspieler*innen zugeordnet, sondern werden von allen gesteuert. Die Spieler*innen haben zu den Bären farblich passende Honig-Karten, die sie abgeben können, um den jeweiligen Bären weiter Richtung Ziel laufen lassen können. Klar: Laufen macht hungrig und deshalb wird auf dem Weg Honig verbraucht. Je weiter es ein Bär am Ende geschafft hat, desto wertvoller sind die Karten in seiner Farbe, die die Spieler*innen bis zum Ende behalten haben.
Die Spieler*innen stecken also in einem Dilemma: Wer viele blaue Karten hat, sollte dafür sorgen, dass der blaue Bär am Ende weit vorne ist. Aber indem man das tut, verliert man eben diese blauen Karten — während genau diese blauen Karten auf dem Weg zum Ziel an Wert gewonnen haben. Und plötzlich hat man weniger blaue als gelbe Karten und sollte daher dafür sorgen, dass der gelbe Bär vorankommt.
Das Spiel wurde mehrmals mit unterschiedlichen Thema neu aufgelegt, mal mit Bären, mal mit Feuerwehrleuten, mal mit Igeln und schließlich mit „Abenteurern“ im Himalaja. Gleich blieb immer der Grundmechanismus: Man muss etwas aufgeben, um voranzukommen. Damit verkörpert das Spiel ein so tief in unserer Kultur verankertes Motiv, dass es mich wundert, erstens, warum es nicht in mehr Spielen vorkommt und, zweitens, ob Honig fressende Bären, Feuerwehrleute, Igel und “Abenteurer” wirklich die passendsten Themen für dieses Spiel sind.




Im Christentum gibt es das Opfer Jesu, um die Menschheit zu erlösen — bildlich wird das in Kirchen oft dargestellt durch sich verzehrende Kerzen; in der Trauerarbeit ist Abschied zu nehmen ein wichtiger Schritt, um ohne verstorbene Personen mit dem Leben weiterzumachen; in sozialen Bewegungen geht es häufig auch darum, zu verzichten, um eine bessere Zukunft für alle zu ermöglichen; in der Transformation der Wirtschaft müssen häufig Technologien und Industrien untergehen, um Platz für bessere Alternativen zu schaffen; Lebensentscheidungen zu Studium, Job und Beziehung zwingen uns mitunter, auf eine Sache zu verzichten, um eine andere zu bekommen oder zu bewahren.
Wie zahlreich die Beispiele sind, wird auch an Josph Campbells Konzept der “Heldenreise”, mit dem sich zahlreiche Geschichten analysieren lassen. Der Held muss nach diesem Schema seine gewohnte Welt zurücklassen, um ins Abenteuer zu starten. Aus einem narrativen Standpunkt heraus würde es also Sinn ergeben, wenn noch mehr Gesellschaftsspiele von den Spieler*innen verlangen würden, gleich zu Beginn etwas zu verlieren oder opfern müssten, um ins Abenteuer zu starten.
Ich habe den Eindruck, dass es uns in Deutschland gerade besonders schwer fällt, loszulassen, zu verzichten, Technologien zu verabschieden, klare Richtungsentscheidungen zu treffen. Ich will an anderer Stelle noch einmal ausführlicher darüber schreiben, deshalb nenne ich hier nur kurz das Beispiel der “Technologieoffenheit”. Dieses Paradigma zielt darauf ab, auch alte Technologien zu erhalten. Doch indem man sich dem nötigen Abschied verweigert, wird gerade keine Entscheidung für einen Aufbruch möglich. Stattdessen erschweren uns die Altlasten das Vorankommen.
Das Spiel lehrt aber noch etwas anderes: Durch den Zwang, eine Karte zu spielen, entsteht auf dem Spielbrett eine Art Kompromiss aus den Interessen der Spieler*innen. Niemand kann alleine darüber entscheiden, welcher Bär am Ende am weitesten vorne liegt. Gemeinsam einigt man sich Karte für Karte darauf, welche Bären letztlich viele und welche Bären wenige Punkte bringen.
Dabei kann es schlau sein, Bären voranzubringen, deren Erfolg einem selbst am Ende nicht nutzt, sondern nur den Mitspieler*innen: Wenn man Karten bestimmter Bären behalten will, muss man sich eben von den Karten anderer Bären trennen und so seinen Mitspieler*innen helfen.
Das Spielprinzip setzt so zentral auf Kompromissbildung, dass ich mir wünschen würde, dass bei einer Neuauflage des Spiels nicht Bären das Thema sind, sondern Koalitionsverhandlungen in unterschiedlichen Politikfeldern. Es hätte so viel Potenzial!
Nun sind Kompromisse gesellschaftlich nicht immer erstrebenswert. Wenn die einen Gleichberechtigung für Homosexuelle wollen, und die anderen alle Homosexuellen umbringen wollen, kann der Kompromiss nicht sein, nur jeden zweiten Homosexuellen zu vergasen. An dieser Stelle ist das viel beschworene “sich in der Mitte treffen” hochgefährlich.
Diese Problematik haben die Väter und Mütter unseres Grundgesetz und zahlreiche Vordenker*innen vor ihnen richtig erkannt. Die Menschenrechte und Vorkehrungen wie etwa die Möglichkeit eines Parteiverbots sollen hierzulande dafür sorgen, dass es bei der Kompromissbildung eine Repräsentationslücke für diejenigen Forderungen gibt, die Kompromissbildung ad absurdum führen. Erst wenn bestimmte Forderungen und Parteien, die sich durch diese Forderungen auszeichnen, ausgeschlossen sind, wird ein guter Kompromiss wieder möglich.
Dass diese Vorkehrungen heute nicht mehr ernst genommen werden, dass sie teilweise gar als nerviges Gesäusel von Gutmenschen abgetan werden, rächt sich im politischen Alltag. Wir haben es beim Auseinanderbrechen der Ampel-Koalition gesehen, bei der gemeinsamen Abstimmung von Union, FDP und BSW mit der AfD, bei der missglückten Kanzlerwahl und zuletzt auch bei der kurzfristig abgesetzten Wahl von Bundesverfassungsrichter*innen.
Wenn wir nicht wollen, dass Vorfälle wie diese zunehmen, müssen wir uns rückbesinnen auf die Grenzen, die die Spielregeln unserer Demokratie setzen. Und zurück am Spielplan müssen wir dann nochmal besser lernen, nicht nur oberflächliche Einigungen zu erzielen, sondern kluge Wege zu finden, das Leben aller zu verbessern.
Insofern kann ich “Honeybears” empfehlen. Es lehrt Spieler*innen ab 8 Jahren, dass sich Kompromisse häufig lohnen. Und solange nicht geschummelt wird, kommen am Ende alle Bären dem Ziel etwas näher.
Zum Schluss noch kurz Eigenwerbung. Um Gesellschaftsspiele ging es auch in diesen Newsletter-Ausgaben:
🌱 Die CO2-Würfel müssen weg: Ein Spiel, das zeigt, was schaffbar ist
"Daybreak" – ein kooperatives Klimaspiel – zeigt, wie Gesellschaftsspiele komplexe Krisen erfahrbar machen können. Kann man die Klimakatastrophe wirklich in eine Schachtel packen und dabei noch Spaß haben? Eine Reflexion über Eskapismus, Optimismus und die Macht des Spiels, uns für die Realität zu wappnen.
Danke, Klaus
Es ist wohl das erste Mal, dass ein Spiele-Autor einen Nachruf in der Tagesschau bekommen hat. Klaus Teuber, Erfinder von "Die Siedler von Catan", war mehr als nur ein erfolgreicher Spieleautor – er begründete mit seinem Bestseller eine neue Ära der Gesellschaftsspiele. Wie aus einem zunächst abgelehnten Spiel ein 25-Millionen-facher Verkaufserfolg wurde und warum Catan trotz aller Kritik noch heute fasziniert.
Der Klima-Bluff
Stellen Sie sich vor, Politiker spielen Lügenmäxchen – aber statt um ein paar Euro geht es um unser Überleben. Die Bundesregierung behauptet, noch genug "Klimabudget" zu haben, aber niemand traut sich nachzuschauen, ob das stimmt. Wie beim echten Lügenmäxchen werden die Lügen immer dreister, je länger keiner unter den Becher guckt.
Spoiler: Da liegt vermutlich längst nichts mehr drunter.
Der Kampf um die Präsidentschaft als Push-Your-Luck-Game
Im zum "Spiel des Jahres" nominierten "Captain Flip" zieht man Crew-Mitglieder als Plättchen und kann diese auf die Rückseite umdrehen, wenn man unzufrieden mit dem Piraten auf der Vorderseite ist – zurück geht dann aber nicht mehr. Genau dieses Risiko ist Biden 2024 eingegangen: Unzufrieden mit seinen Wahlchancen gegen Trump flippte er sein Plättchen und machte Platz für Kamala Harris.
Ein mutiger Spielzug – auch wenn wir heute wissen, dass auch die Rückseite nicht zum Sieg gereicht hat.







